DER SCHWULE PAPI

Wie ist es, wenn der Vater plötzlich schwul ist?

Ein Outing als homosexuell ist heutzutage keine Seltenheit mehr. Die Aufmerksamkeit gegenüber der LGTBQ+ Community steigt und der Begriff Regenbogenfamilie wird geläufiger. Fakt ist, das Modell Familie wird vielfältiger. Doch was bedeutet es, wenn sich die sexuelle Orientierung bei einem Elternteil plötzlich verändert? Und was erlebt   ein Kind mit einem schwulen Papi?

FACTS

In Familienhaushalten mit Kindern unter 25 Jahren sind lediglich 0,1% gleichgeschlechtliche Paare.

gleichgeschlechtliche Paare

0.1%
75.3%

Ehepaare 

Konsensualpaare 

9.1%
15.5%

Einelternhaushalte

Quelle: BFS - Erhebung zu Familien und Generationen (EFG) ©BFS 2019

43%
58%

Stand 2018. Quelle: BFS - Erhebung zu Familien und Generationen (EFG) ©BFS 2019

Seit 2013 hat dieser Wert je rund 10% zugenommen.

Knapp 6 von 10 Frauen und 4 von 10 Männern sind der Meinung, dass Kinder bei gleichgeschlechtlichen Paaren glücklich aufwachsen können.

Regenbogenfamilien sind Familien, bei denen sich mindestens ein Elternteil als schwul, lesbisch, bisexuell, trans oder queer versteht.  Es spielt dabei keine Rolle, ob die Kinder aus einer vorherigen heterosexuellen Beziehung stammen, in die Familie hineingeboren, adoptiert oder aufgenommen wurden.

MARKUS
FAQ

Wie kam es zu deinem Outing?

Im Alter zwischen 30 und 35 begann sich etwas zu verändern. Es war nicht so, als hätte ich früher etwas unterdrückt, sondern es veränderte sich einfach etwas. Als ich im Tram sitzend einen Typen scharf fand, wusste ich, dass sich etwas ändern musste. Es wurde mir bewusst, dass ich nicht mehr mit einer Frau zusammen sein konnte.

Hast du dir Gedanken gemacht, inwiefern dein Outing einen Einfluss auf deine Tochter haben könnte?

Ich habe mir das nicht überlegt. Das führe ich auf meine Lebensphilosophie zurück: Wenn es mir gut geht, geht es auch meinem Kind gut. 

Es gibt sicher Leute, die dein Handeln als egoistisch betrachten.

Ja, es gab einen Vorfall, bei dem mir das vorgeworfen wurde. Es wurde gesagt, Amber wäre doch ein armes Kind und es sei egoistisch von mir. Ich war mir jedoch sicher, dass das nicht so ist. Und tatsächlich konnte mir Amber bestätigen, dass sie sich nie irgendetwas anhören musste. Wenn ich jemals das Gefühl gehabt hätte, ihr könnte es schaden, hätte ich anders gehandelt.

Wie wurde die Situation von deinem Umfeld aufgenommen?

Anfangs waren die Leute irritiert und ein wenig verunsichert. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass mein Umfeld sich negativ verhielt. Es war dieser Entscheidung gegenüber sehr offen.

Wie wird dein Schritt deiner Meinung nach in der Gesellschaft wahrgenommen?

Ich kann das gar nicht so beeinflussen und es ist mir auch absolut egal. Das mag wieder egoistisch klingen, aber es ist mir einfach egal, wenn Leute sich aufgrund dessen von mir abwenden. Leute, die mich mögen, sind da und das zählt.

Hat sich deine Vaterrolle nach dem Outing verändert?

Nein, überhaupt nicht. Ich war derselbe Mensch mit den gleichen Prinzipien, wie davor. Es hat nichts damit zu tun, ob ich mit einem Mann oder einer Frau zusammen bin – das sind bloss Lebensumstände.

Ambers Mutter und du seid heute beste Freunde. Wie fandet ihr euch nach der Trennung wieder?

Die Trennung selbst war sehr schwierig, weil sie nur von mir aus kam. Sie erzählte mir später, dass sie es schwierig fand, nicht kämpfen zu können. Gegen einen Mann hatte sie ja keine Chance. Später war sie froh, dass es keine andere Frau gab, die auch noch die Mutterrolle hätte übernehmen können. Das half, uns wieder anzunähern und wir merkten, dass wir uns als Menschen sehr gerne mögen.

Hat Amber davon profitiert, in einer Regenbogenfamilie aufzuwachsen?

Ich denke, dass sie viel mitnehmen konnte. Beispielsweise die Offenheit gegenüber anderen Lebensformen, oder wie man mit jemandem umgeht, egal wer diese Person ist. Amber hat viele Menschen kennengelernt, auch buntere Menschen.

Hast du Amber anders aufgeklärt, als vielleicht sonstige Familien es tun?

Ich habe keine andere Aufklärung betrieben. Wir lebten, was wir waren. Und so war es ganz natürlich.

Wie haben deine neuen Partner darauf reagiert, dass du eine Tochter hast?

Sie reagierten sehr gut darauf. Ich war aber auch schon älter – als 20-Jähriger wäre es eine andere Situation gewesen. Mein Ex-Mann sowie auch mein derzeitiger Partner wollten beide immer Kinder und freuten sich über Amber. 

Was möchtest du den Leuten da draussen mitteilen?

Ich bin wirklich stolz auf unsere Patchworkfamilie, auf das Zusammenleben von meinem Partner und Amber mit dem Einbezug meiner Ex-Frau und deren Partner. Dies sollte erstrebenswert sein, egal ob Hetero- oder Homo-Beziehungen auseinandergehen. Man muss probieren, miteinander auszukommen, ohne dass die Kinder darunter leiden.

KOMMENTAR VON AMBER

«Mein Papi, oder Daddy, wie ich ihn immer nenne, ist schwul. Abnormal war das für mich nie.»

An das Outing meines Vaters kann mich nicht erinnern und auch nicht daran, dass mir diese Veränderung je Probleme bereitete. Für mich hat sich diese Veränderung eher natürlich ergeben und somit hat sich das Bild meines Vaters durch seine sexuelle Neuorientierung auch nie verändert – geschweige denn, musste ich es anpassen. Auch unsere Beziehung hat sich damals nicht verändert. Mein Daddy war und ist für mich immer noch derselbe Daddy, der er immer war.

Ja, ich bin sicherlich anders aufgewachsen als viele meiner Freund*innen. Ich wurde deswegen nie gehänselt und blöde Sprüche musste ich mir auch nie anhören. Es wurde neugierig nachgefragt. Generell habe ich während meiner Kindheit und Jugend mein Umfeld und das meiner Familie als sehr offen wahrgenommen. Was vielleicht ein glücklicher Zufall ist, den ich aber auch immer geschätzt habe. 

Dennoch hat die Homosexualität meines Vaters meinen Werdegang geprägt. Sie hat mich gelernt, Offenheit und Toleranz zu leben. Sie hat mich gelernt, den Menschen zu lieben, egal in welcher Form und zu sich selber zu stehen. Dies war jedoch auch vor dem Outing meines Vaters ein Grundsatz meiner Eltern. Und sicher auch einer vieler Gründe, warum meine Eltern sich heute noch immer so gut verstehen.

Werde ich heute auf meine Familienkonstellation angesprochen, sind Leute überrascht – finden es aber spannend und sogar cool. Denke ich über meine Familienkonstellation nach, bin ich stets stolz. Stolz auf meine Eltern, dass das Outing meines Vaters nie ein Grund war, keine funktionierende und liebende Familie zu haben. Und stolz auf meinen Daddy, dass er seinen Weg gegangen ist und für mich auch als plötzlich schwuler Daddy der beste Daddy ist. 

© 2020 by Amber Vetter & Nuria Spycher